Griechenland – Das Land der einsamen Strände mit türkisblauem Meer

Die Sonne scheint herrlich wärmend am Nachmittag auf unsere vom Anstieg verschwitzte Haut. Der Grenzbeamte reicht uns die Pässe durch das Schalterfenster zurück und wir dürfen passieren. Nach einigen beeindruckenden, aber auch anstrengenden Tagen, verlassen wir erleichtert Albanien und freuen uns riesig Griechenland zu entdecken. Sofort merkt man die EU-Finanzierung der Straßen und die Räder rollen reibungslos auf dem glatten Asphalt bergab Richtung Meer. Die Bergketten um uns herum sind geprägt von Trockenheit und kargen Bewuchs. Anfang September sind die Temperaturen noch sehr warm, aber die großen Touristenwellen sind schon von dannen gezogen.

Ein schneller Blick auf das Navi verrät uns mehrere Strände, die in noch schaffbarer Entfernung liegen. Hochmotiviert treten wir in die Pedalen und durchqueren endlose Zitrusplantagen. Die Orangen, Mandarinen, Zitronen und Limetten sind zwar noch grün, aber verströmen schon jetzt ein herrliches Aroma. Schon in unserer ersten Nacht werden mit einem einsamen Strand belohnt. Wir trauen unseren Augen kaum; tatsächlich haben wir einen extrem idyllischen kleinen Strand nur für uns alleine. Bisher gingen wir davon aus, dies sei eine reine Traumvorstellung, die nur in der Werbung vermittelt würde. Aber Griechenland belehrt uns da eines Besseren und verwöhnt uns von nun an so manchem Tagesende mit einsamen Stränden. Da fackeln wir nicht lange, ziehen all unsere Sachen aus und springen sofort nackig ins kristallklare, blaue Wasser. Am nächsten Morgen lassen uns diese Strände immer nicht so schnell los, sodass wir oft erst im frühen Nachmittag weiterfahren.

Die Straße entlang der Westküste Griechenlands zieht sich schlängelartig fast immer direkt am Meer entlang. Häufig führt sie 200 Meter hoch, mit steilen Klippen zum Meer, um dann wieder auf Meeresniveau herabzufallen. Glücklicherweise sind aber alle Anstiege hier so gebaut, dass sie mit voll bepackten Reiserädern gut zu erradeln sind. Stets lacht uns die große gelbe Scheibe vom Himmel entgegen in diesem sonnenbeschenkten Land. Da wir beide eher zu den heißblütigeren Geschöpfen gehören, kann es uns selten heiß genug sein. Da kommen uns all die Sonne und die hohen Temperaturen sehr entgegen. Immer wieder treffen wir pensionierte, deutschsprachige ältere Männer, die mit ihrem Camper durch das Land fahren oder an einem der vielen leeren Strände kostenlos stehen und einfach nur das Leben genießen. Gespannt möchten sie oft unsere Geschichte erfahren und geben zum Besten, dass wir ihren Traum leben, sie aber nun zu alt für so etwas seien, oder die richtige Frau dazu fehle. Die kulinarische Essensauswahl in Griechenland kommt ganz nach unserem Geschmack und endlich können wir wieder eine große Vielfalt an Lebensmitteln genießen, dank einer hohen Verbreitung von Supermärkten im Land.

Auf halber Strecke an der Westküste stoßen wir in Preveza auf den Ambrakischen Golf. Eine untertunnelte Meerenge trennt uns vom gegenüberliegenden Ufer. Leider ist dieser 5 km lange Tunnel für Fahrräder gesperrt und vor uns läge die 150 km lange Umrundung des Ambrakischen Golf, um dieses kurze Stück zu umfahren. Was tun? Trotzdem radeln erscheint uns etwas riskant, aber auf 150 km zusätzlichen Weg haben wir auch nicht so recht Lust; dafür gefällt uns die ionische Meeresküste Griechenlands einfach viel zu gut. Nach einer kurzen Recherche im Netz scheint es einen Fahrservice vom Tunnelsicherheitsdienst geben. Man solle doch einfach in die Überwachungskamera winken. Das klingt experimentell, aber egal, wir versuchen es trotzdem. Und tatsächlich, nach 15 min erscheint ein gelber Transporter, sammelt uns ein und bringt uns auf die andere Seite. Das Lustige dabei ist: Es ist gar nicht der Fahrservice, denn sonntags existiert er nicht. Wir bedanken uns ganz herzlich und radeln gut gelaunt weiter und wollen Inselluft auf unserer ersten griechischen (Halb)Insel schnuppern.

Lefkada. Auf einer langen Landzunge, quasi einem Strand, der von beiden Seiten von Meer umschlossen ist, finden wir die für uns perfekte Übernachtungshütte. Aus alten Stöcken und Fischernetzen wurde dort einer Art Jurte mitten am Strand abenteuerlich hingebaut und soll uns in der Nacht Schutz vor dem böigen Wind und ungebetenen Blicken der Polizei bieten. Leider stellt sich mit Einbruch der Dämmerung schnell heraus, dass nicht nur wir Schutz vor dem Wind und der Polizei suchen. Ein ganzer Schwarm Mücken findet es auch recht flauschig in dieser Hütte und stürzt sich auf ihr frisches Abendbrot: uns. Unter Twister-ähnlichen Verrenkungen schaffen wir es schließlich gerade so, unser Innenzelt innerhalb der Hütte aufzubauen und können sicher vor den Mücken einschlafen. Am nächsten Morgen, nachdem wir grade unseren Frühstückstisch reichlich eingedeckt haben, stürmt eine ältere Griechin mit ihrer Enkelin auf uns zu, schiebt unsere Sachen vom Tisch und knallt ihr Schwimmbrett und ihre Strandtasche darauf. Eingehend wiederholt sie immer die gleichen Worte „This is not a Hotel! You can stay here one hour, two hours or three hours, but not sleeping“.  Wir sind sehr gerne bereit mit ihr den schattigen Platz am Tisch zu teilen, aber sie wiederholt nur fortlaufend ihre Worte und lässt nicht mit sich reden. Als sie schließlich den Erbauer der Hütte per Telefon heranbeordert, muss dieser nur schmunzeln und scheint sich eher zu freuen, dass seine Hütte solch gute Dienste leistet. Da wir sowieso weiterwollen, bauen wir unser Zelt ab, essen aber noch unbekümmert unser Frühstück an Ort und Stelle. Die gute Frau merkt, dass sie mit ihrer arroganten Einstellung bei uns nicht weit kommt und zieht einige Meter weiter an den Strand um.

Nach unserem ersten leckeren Frappe, einem griechischen Instant Eiskaffee mit viel Schaum, im kleinen idyllischen gleichnamigen Ort Lefkada, verlassen wir die Insel auch schon wieder und düsen weiter entlang der Westküste des griechischen Festlands. Die Straßen fahren sich außergewöhnlich gut, sind beinahe autoleer und ständig werden wir mit atemberaubenden Sonnenuntergängen belohnt. Ein verlassener Strand reiht sich an den nächsten und überall laufen uns Ziegenherden mit und ohne Hirte über den Weg. Alles scheint uns wie in einem Bilderbuch Griechenland. Hellas hat uns mit seinen Armen ergriffen und wir wollen dieses Land der Götter und Sagen am liebsten ewig bereisen. Aber bisher haben wir noch keine Götter und Tempel bzw. deren Ruinen gefunden.

Angekommen am südlichen Zipfel des Festlandes entschließen wir uns daher, nicht auf Peloponnes, die größte Insel Griechenlands, überzusetzen. Stattdessen werden wir auf dem Festland bleiben und direkt den Nabel der Welt, das Orakel von Delphi, ansteuern. Einen kurzen Abstecher auf die Insel können wir uns aber trotzdem nicht verkneifen und so versuchen wir für ein kleines Picknick über die riesige 3 km lange Rio-Antirrio-Brücke zu fahren, einer der zwei Verbindungsstraßen zwischen Peloponnes und dem Festland. Wir werden aber am Ende der Brücke mit einer steilen mehrstöckigen Treppe bestraft, die nur mittels Abpackens aller unserer Sachen zu bewältigen wäre. Dies ist uns dann doch etwas zu aufwendig, da wir die gleiche Prozedur nach dem Picknick eine Stunde später erneut abwickeln müssten. So drehen wir hungrig und enttäuscht um und radeln wieder zurück.

Der Weg nach Delphi führt vorbei an riesigen Olivenhainen, die kurz vor der Ernte stehen und weiter über viele Serpentinen langsam, aber sicher einen Berg von 600 Metern hinauf. Die flimmernde Luft hat 33°C im Schatten. Etwa auf der Hälfte der Strecke überrascht uns ein Kanal mit klarem Wasser. Es kommt westlich aus den Bergen von einem Stausee, der durch den Fluss Mornou gespeist wird. In einem aus Zementplatten zusammengesetzten Aquädukt fließt das Wasser mehrere hundert Kilometer bis in die Hauptstadt Athen. Nach kurzem Suchen finden wir eine Leiter, die als Ausstieg dient und klettern schweißgebadet hinab ins eiskalte Nass. Genau die richtige Abkühlung bei diesen Temperaturen. Wir dürfen aber auf keinen Fall die Leiter loslassen, da die Strömung das Kanals so stark ist, dass er uns einfach mitreißen würde und die Ufer des Kanals viel zu steil sind um wieder aussteigen zu können. Aber durch das viele bergauf Radeln haben wir nicht nur eine ordentliche Beinmuskulatur bekommen. Man glaubt gar nicht, mit wie viel Kraft man sich bei jedem Berg an seinem Lenker festhalten muss, um einen Fixpunkt für die Beinmuskeln zu bieten. Dabei arbeiten jedes Mal die Arme und vor allem der untere Rücken ordentlich mit. Somit ist das Radfahren ein Training für den ganzen Körper. Hier sind nun vor allem die Arme gefragt, der Strömung des Flusses entgegen zu wirken. Erquickt ziehen wir unsere Sachen wieder an und schwingen uns zurück auf die Räder. Angekommen in Delphi nächtigen wir direkt bei den Tempeln unter dem Schutz der Götter und werden morgens von den Katzen des Platzes liebevoll geweckt. Mystisch lassen wir die alten Ruinen auf uns wirken und treffen dabei einen anderen Radreisenden, Klaus. Eine beeindruckende Persönlichkeit, Professor für Maschinenbau mit einem starken Talent für Rhetorik. Er ist aber nur ein, zwei Wochen mit leichtem Gepäck unterwegs. Nach einem kurzen Chat geht jeder weiter seines Weges und wir ziehen mit den Rädern weiter Richtung Athen.

Wir können von Griechenland aber einfach nicht genug bekommen und so biegen wir kurz vor der Hauptstadt Richtung Süden ab und fahren über den Kanal von Korinth zur Argolis-Halbinsel, dem östlichen Finger der Peloponnes. Der canyonartige Kanal ist ein von Menschenhand geschaffenener Schiffahrtskanal, der Peloponnes endgültig vom Festland abgetrennt hat. In mühsamer Handarbeit wurde Ende des 19. Jahrhunderts ein 6 km langer Kanal mit einer Tiefe von bis zu 80 m und einer Breite von 25 m ins Gestein geschlagen. Dadurch wurde eine Verbindung in den Golf von Korinth geschaffen, sodass die Schiffe nicht mehr den Umweg von 400 km um die Insel nehmen mussten. Die frontale Tiefe wirkte sehr beeindruckend auf uns. Noch schnell werden ein paar Fotos geknipst und weiter geht’s. Berge rauf und Berge wieder runter. Griechenland zählt als eines der bergigsten Länder Europas und das nicht ohne Grund.

Angekommen in Argolis rollen wir von einem romantischen Fischerdorf ins nächste. Die Häuser sind weiß gekalkt, zum Schutz vor der heißen Sonne und die Türen, Fenster wie auch Balkone sind in den die Landesflagge zierenden Blautönen gehalten. Auch hier ist ein großer Teil der Touristen schon wieder weitergezogen und so ist die Stimmung ausgelassen und entspannt. Überall liegen im Hafen von Poros und rund herum im Ozean teure Luxusyachten. In dieser Nacht finden wir leider keinen verlassenen Strand für uns und fragen kurzerhand bei der Russenbay Strandbar, ob wir im hinteren Teil der Bucht übernachten dürfen. Die Besitzer stimmen zu und wir können die Nacht über belustigend beobachten, wie neureiche Gleichaltrige von ihren Luxusyachten an den Strand gefahren kommen und in der Bar für viel Geld zu schlechter Musik die Sau rauslassen.

Am nächsten Tag springen wir auf eine Fähre und setzen über nach Athen. Ein wirklich beeindruckend lieber Mensch, Alex, überlässt uns seine Wohnung, ohne dass wir ihn je zu Gesicht bekommen. Die Schlüssel dürfen wir in einem Blumenladen abholen. Doch diese sind nicht da. Was nun? Nach kurzer Klärung stellt sich heraus, dass ein anderes Radreisepärchen zuvor in der Wohnung nächtigte und hat sich verspätet. Es sind Angi und Emi aus Argentinien, die mit ihrem speziell angefertigten Tandem die Welt erkunden. Dies ist der Anfang einer langen Radreise-Freundschaft. Unsere Wege werden sich noch häufig kreuzen. Wir freuen uns, seit langem wieder mal in einer europäischen Großstadt zu sein und deren Energie und Stimmung zu spüren. Freudig erkunden wir die Stadt und organisieren so manche angestaute Erledigung.

Nach einigen Tagen und Nächten in Athen freuen wir uns beide riesig auf eine lange Fährfahrt. Wir können und möchten Griechenland nicht einfach so verlassen, ohne wenigstens eine echte Insel erfahren zu haben. Ganze 24 Stunden braucht die Fähre, um uns auf der größten der Dodekanischen Inseln, Rhodos, nahe dem türkischen Festland auszuspeien. Über eine Woche lassen wir uns Zeit für eine Rundfahrt um die Insel. Die östliche Küste ist geprägt von Hotelhochburgen und schick hergerichteten Stränden. In Lindos hat man aufgrund der vielen Souvenirläden und Bars leider eher das Gefühl, in einem eigens für Touristen, im griechischen Stil erbauten Ort zu Gast zu sein. Nach einigen Passagen mit schrecklichem Gegenwind erreichen wir aber schließlich den südlichen Teil der Westküste, welcher uns kurz vor Rhodos menschenleere weite Strände bereithält. Wir schauen uns so manche Ruine und verlassene Burg an und bringen unsere Hinterradnaben auf Vordermann, da die Kugellager nach 5.500 km langsam anfangen schwergängiger zu laufen. Die Altstadt von Rhodos, die gleichnamige Hauptstadt der Insel, zählt zum UNESCO Weltkulturerbe und beeindruckt mit seinem mittelalterlichen Flair.

Um herüber in die Türkei zu schippern, müssen wir noch über Nacht einen Zwischenstopp auf der kleinen Insel Kastellorizo machen. Die politischen Verbindungen zwischen Griechenland (der EU) und der Türkei scheinen nicht die besten zu sein und so sind nur sehr reglementierte Überfahrten von wenigen Häfen Griechenlands in die Türkei möglich, verbunden mit recht hohen Steuergeldern. Das soll uns aber nicht stören, da die winzige Insel Kastellorizo sich als wunderschöner kleiner, bunter Fischerort entpuppt. Die griechische Regierung hat in den letzten Jahren recht viel Geld in dieses Dorf investiert, um einen besiedelten festen Standpunkt nahe dem türkischen Festland zu haben. Am nächsten Tag erkunden wir die Insel zu Fuß entdecken ein altes Kloster mitten auf einem Berg und verlassen schweren Herzens Griechenland am Nachmittag mit der Fähre in Richtung Türkei.

In Griechenland haben wir in der Zeit vom 30.08. bis 28.09.2018 insgesamt 30 wunderbare Tage verbracht und dabei knapp 1.200 km zurückgelegt.

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